7 Dinge, die ich über Sex gelernt habe

aus: David Schnarch, Die Psychologie sexueller Leidenschaft

  1. Es kann ein Leben lang dauern, bis man seine Sexualität vollständig entwickelt hat

Viele Menschen kommen allein über den ersten Schritt nicht hinaus, nämlich den Übergang vom unpersönlichen Verlangen eines jungen Menschen hin zum Verlangen, etwas mit einer bestimmten Person teilen zu wollen (Die Pornokultur trägt sicher das ihre dazu bei). Dabei lässt sich das Schlafzimmer wie ein kleines Laboratorium betrachten, in dem man zusammen mit seiner sexuellen Entfaltung auch seine Persönlichkeitsentfaltung vorantreiben kann. In beiden Dingen ist der Grundsatz „Fake it till you make it“ ein nützliches Credo zur Weiterentwicklung:

„Sie können im Bett so sein, wie Sie sich selbst kennen, oder so, wie Sie gerne sein möchten. Letzteres bedeutet nicht unbedingt, daß Sie nicht Sie selbst sind. Der Prozeß des Werdens kann dazu führen, daß Sie sich auf eine Art und Weise verhalten, die die Grenzen Ihres Selbstbilds vorläufig noch sprengt.“

Und ein Trost für diejenigen, die ihre Jugend verblühen sehen:

„Tatsache ist, daß Frauen sich im Laufe der Jahre mehr auf die eigenen genitalen Empfindungen einlassen und die sexuelle Begegnung mehr genießen können. Unterdessen wächst das Interesse der Männer an Intimität und einer engen emotionalen Verbundenheit. Das heißt, Männer und Frauen werden sich, während sie ihr sexuelles Potential entfalten, ähnlicher und passen immer besser zueinander.“

Diese Entwicklungen sind eine Voraussetzung für das, was David Schnarch „Starkstromsex“ nennt: Sex, bei dem die Außenwelt verblasst, die Körper verschmelzen, die Zeit stehen bleibt oder sich ins Unendliche ausdehnt. Dazu gehört auch, dass man jemanden zu „nehmen“ weiß, „sich seiner/ihrer mit Lust und Freigiebigkeit bemächtigen“ kann.

 

  1. Man muss sich immer zuerst selbst „gehören“, und zwar vollständig, bevor man jemand anderem „gehört“

„Jeder hat mehr von mir als ich selbst. Das ärgert mich allmählich. Ich gehöre den anderen mehr, als ich mir selbst gehöre.“

So etwas kann passieren, wenn man sich zu sehr von der Bestätigung anderer abhängig macht, wenn man einzelnen Menschen nur gewisse Facetten seiner Persönlichkeit zeigt, in der Hoffnung, dass andere diese dann bestätigen. Damit gibt man auch einen Teil der Kontrolle über sich selbst ab. Man fühlt sich gespalten, unvollständig. David Schnarch setzt dagegen die Theorie der selbstbestätigten Intimität:

„Das bedeutet, meinem Partner etwas von mir mitzuteilen, ohne zu erwarten, daß er es bestätigt oder akzeptiert. Ich zeige mich ihm so, wie ich wirklich bin, und gebe mir selbst Bestätigung.“

Das bedeutet auch, dass man aus der Überzeugung der eigenen geistigen und emotionalen Fülle heraus und nicht aus einer gefühlten Leere oder einer Unzulänglichkeit heraus begehren sollte (die genau daraus entsteht, dass man dem Partner nur gewisse Teile von sich selbst zeigt). Nur so kann man dem Partner auch etwas „geben“ und „nimmt“ nicht nur all dessen Komplimente und Berührungen, um ein Loch zu füllen, das ohnehin bodenlos ist. Außerdem umgeht man so die Gefahr einer „emotionalen Verschmelzung“, in der man ständig Bestätigung vom Partner fordert. Laut Schnarch entsteht daraus auch eines der größten Hemmnisse einer funktionierenden Beziehung, die Eifersucht:

„Eifersucht ist eine Form der emotionalen Verschmelzung. Bei extremer Eifersucht können wir es kaum ertragen, daß der geliebte Mensch ein von uns abgegrenztes, eigenständiges Wesen ist.“

Wenn der Partner also vermeintlich jemandem mehr Aufmerksamkeit schenkt als uns, ist es nicht diese(r) andere(r), auf den/die wir eifersüchtig sind, sondern der Partner selbst, der es wagt, seine Gefühle selbst in der Hand zu haben, sich in diesem Punkt wiederum „selbst zu gehören“. Obwohl wir Stärke im Partner schätzen, hoffen wir oft insgeheim, dass er genau in diesem Bereich unsicher ist – das boostet nämlich unser „gespiegeltes Selbstgefühl“. Das kann in ein ungesundes emotionales Tauziehen ausarten, wie im nächsten Punkt erklärt.

 

  1. Obwohl man eigentlich ein „Team“ sein soll, konkurrieren die Partner in einer Beziehung ständig (unbewusst) miteinander

Zum Beispiel darum, wer das geringere Bedürfnis nach Sex hat. Denn der Partner mit dem geringeren Bedürfnis hat sexuell „die Zügel in der Hand“. Daraus kann sich dann folgender Machtkampf entspinnen:

„Wir fühlen uns nur dann sicher, wenn wir den Partner in demselben Maße begehren, wie er uns begehrt. Andererseits besteht, wenn der Partner uns begehrt, die einzige wirklich sichere Strategie eigentlich darin, ihn nicht zu begehren. Falls er allerdings, während wir ihn nicht begehren, seinerseits aufhört, uns zu begehren, kann das Ganze am Ende in eine Trennung münden.“

Schnarch bringt die ganze Sache im Anschluss ziemlich perfekt auf den Punkt:

„Die Partner verhalten sich, als böte die Beziehung nicht Raum für zwei, sondern nur für anderthalb. Die Frage ist dann stets: Wer von beiden schrumpft auf die Hälfte?“

Genauso kann auch einer der Partner verhindern, dass es jemals zu einer größeren emotionalen Intimität innerhalb der Beziehung kommt. Denn:

 

  1. Je besser wir uns vom anderen abgrenzen, „differenzieren“ können, desto mehr Chancen auf Intimität hat die Beziehung

„Oft ist das, was man als Einfühlungsvermögen preist, nicht viel mehr als ein Ansteckungsvorgang.“

Shit, das hat gesessen. Wie oft schon habe ich versucht, mich in jemanden hineinzufühlen, um dann hinterher zu merken, dass ich mich ebenso nervös/deprimiert/etc. wie er oder sie fühlte und der Person damit in keinster Weise geholfen war. Stattdessen, so Schnarch, sollte man die gerade in Beziehungen die Gefühle anderer nicht zu seinen eigenen machen.

Sich vom anderen zu differenzieren, kann ein langwieriger und schwieriger Prozess sein, doch Schnarch meint:

Wir sind nicht so zerbrechlich, wie wir glauben. Aber wir erschaffen uns nach unserem Bild, indem wir uns so sehen und dementsprechend handeln.“

Zuallererst müssen wir also an unserem Selbstbild arbeiten, bevor wir an der Beziehung arbeiten können.

Dass der Prozess durchgemacht werden muss, ist für Schnarch klar – spätestens dann, wenn ein Paar die „kritische Masse“ erreicht, einen Zustand, in dem sich die Partner emotional ineinander „verkeilt“ haben und ein Erdbeben unausweichlich ist, damit sie sich wieder getrennt voneinander wahrnehmen.

 

  1. Wie gut man sich in einer Beziehung differenzieren kann, hängt meist von den familiären Umständen ab

Wer kennt sie nicht, die Szene des sonntäglichen Familienessens, wo jeder nacheinander mehr oder weniger enthusiastisch auf seinem üblichen Stuhl am Küchentisch Platz nimmt und keiner aufstehen darf, bevor die anderen fertig sind?

„In Familien[beziehungen] mit niedrigem Differenzierungsgrad soll jeder auf seinem ihm zugewiesenen „Platz“ bleiben, damit die anderem an dem Selbst, das sie in Beziehung zueinander aufgebaut haben, festhalten können.“

Die Eltern erziehen uns mit dem Differenzierungsniveau, das sie selbst erreicht haben. Laut Schnarch bedarf es harter Arbeit an sich selbst, um dieses Niveau zu heben.

Wenn also ein Partner ein geringeres Differenzierungsniveau als der andere hat, bestimmt ersterer den Grad der Intimität in der Beziehung. Umgekehrt: je mehr Intimität man will, desto geringer ist die Auswahl an „geeigneten“ Partnern, mit denen wir diese Verbundenheit herstellen können bzw. die sich auch darauf einlassen.

 

  1. Eine praktische Übung der Differenzierung: Augen auf beim Sex!

„Durch das Küssen mit offenen Augen werden wir uns der eigenen Person intensiv bewußt. Wir haben das Gefühl, daß wir dem Partner extrem nahe und völlig preisgegeben sind. Oft ist der erste Impuls: ´Nichts wie weg hier!´“

In vielen östlichen Lehren bzw. Vorstellungen von der Sexualität ist es ganz selbstverständlich, dem Partner beim Akt in die Augen zu sehen. Wenn wir westlich sozialisierten Menschen das probieren, endet es meist damit, dass bei einem der beiden Partner die Genitalien versagen. Denn wir haben gelernt, uns beim Sex nur auf unsere eigenen Empfindungen zu konzentrieren und „unser Ding durchzuziehen“, ohne den Partner in „unser Erregungsmuster einzubauen“. Dennoch sollten wir es hin und wieder versuchen, denn je mehr wir den Partner in uns hineinschauen lassen, desto höher wird der Grad der Intimität in der Beziehung.

 

  1. Intimität in der Sexualität ist eine relativ neue evolutionäre Entwicklung – und es gibt noch Luft nach oben

Erst vor 400000 Jahren entwickelten Frauen einen Menstruationszyklus und waren damit in der Lage, das ganze Jahr lang sexuelles Verlangen zu verspüren. Damals entwickelten sich auch Familienverbände und der Abschnitt des Neokortex im Gehirn. Menschen begannen, nicht mehr einfach mit beliebigen Partnern ihre sexuelle Triebspannung abzubauen, sondern ihre Sexualität auf eine bestimmte Person zu fokussieren und eine emotionale Verbindung herzustellen.

Doch es gibt noch Luft nach oben: Am Ende des Buches zieht Schnarch noch eine Linie zur Spiritualität und zur Zukunft der Menschheit (was mich persönlich sehr freut). Er ist der Ansicht, dass gerade die Sexualität ein wichtiger Bestandteil unseres Weges zu einer ganzheitlicheren Lebensführung ist.

Schnarch bezieht sich dabei unter anderem auf Sebastian Moore, der über zwei Gegensätze schreibt: „Begehren aus der Leere heraus“ – ein Begehren, das sich durch Fremdakzeptanz konstituiert und zu Abhängigkeiten führt – und „Begehren aus der Fülle heraus“ – ein Begehren, das aus dem Glauben an die Fülle und den Wert der eigenen Persönlichkeit entsteht, aus dem Wunsch heraus, etwas mit anderen zu teilen. Wenn wir mehr, zuvor vielleicht sogar unbekannte, Teile unseres Selbst akzeptieren und integrieren, kann es schon mal sein, dass unser altes „Selbst“ stirbt, oder wie, Schnarch sagt, wir uns „transzendieren“. Dies wiederum führe zu einer ganzheitlicheren Weltanschauung:

„Ich erkenne, dass mein Leben eine Randerscheinung und doch gleichzeitig in eine viel größere Wirklichkeit eingebettet ist. … Ich bin ein Teil der Welt, die sich zu enträtseln versucht.“

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