Welcome to Beijing – Teil 2

…in dem wir gleich nach der Ankunft in der Millionenmetropole einem Verrückten begegnen.

In einer solchen Stadt ist es kein Wunder, dass manche Leute sich zurückgelassen fühlen und das Gespräch suchen – so wie der kleine Alte, der uns anspricht. Zuerst denken wir, dass es auch nur einer der Schlepper ist, die die wartende Menge hinter der Absperrung umkreisen wie Haie ein Netz voller Fische. Doch dann quatscht er im tiefsten Dialekt drauflos, alle Punkte und Kommata über Bord werfend, die es ja im traditionellen Chinesisch sowieso nicht gibt. Durch die Lücken zwischen seinen Zähnen entweichen auch noch die paar Standard-Mandarin-Wörter, die wir gerade so verstehen könnten, sodass nur ein unverständliches Gebrabbel übrig bleibt. Selbst Linghuan, unsere chinesische Reisegefährtin, schaut ratlos drein.

„Spricht er im Dialekt?“, frage ich sie auf Deutsch.

Sie guckt gequält. „Nein, eigentlich nicht. Aber ich kann es auch nicht richtig verstehen.“

Greta stupst mich an. „Hey, das ist ja wie bei den Saufbrüdern bei uns zuhause, da verwäscht sich das auch mit jeder Mass mehr.“

Allerdings sieht der Mann nicht unbedingt so aus, als ob er getrunken hätte. Wobei, das sieht man Hardcore-Säufern ja irgendwann auch nicht mehr an.

Wir lassen den Redeschwall ein paar Minuten über uns ergehen. Mittlerweile kann Linghuan ein paar Fragen decodieren, auf die sie mit ihrem typischen gequälten Gesichtsausdruck so knapp wie möglich antwortet.

„Was hat er denn gefragt?“

„Er hat gefragt, warum du so einen großen Koffer dabei hast. Ich sagte ihm, dass es ihn nichts angeht.“

Ah, die alte Koffer-Debatte wieder. War ja klar, dass der wieder Anstoß erregen würde. Ich bin froh, dass mein Koffer keine Gefühle hat, sonst würde er sich wahrscheinlich langsam gemobbt vorkommen in diesem Land.

Plötzlich legt der Alte eine Hand besitzergreifend auf mein Gepäckstück und streicht darüber. Will er sich jetzt etwa als mein Kuli verdingen?

Erst jetzt sehe ich, was er da um sein Handgelenk geschlungen hat: eine gelb-grüne Plastikschlange, die aussieht wie ein Kinderspielzeug. Ich schaue zu Greta, die fragend eine Braue hebt. Und jetzt stimmt der Alte auch noch irgendein Volkslied an. Das ist zu viel. Ich beiße mir auf die Unterlippe und drehe mich weg, um einen Lachanfall zu verhindern.

„Das ist jetzt genug.“ Offenbar findet auch Greta seinen Gesang nicht allzu ansprechend. „Wir sind jetzt wirklich müde, bitte lassen Sie uns in Ruhe“, sagt sie auf Chinesisch.

Der Alte ist ganz in seinem Liedchen versunken und nimmt sie gar nicht wahr. Ratlos sehen wir uns an. Mir dämmert langsam, dass wir von Anfang an gar nicht auf ihn hätten eingehen sollen. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und spähe nach vorne – die Taxischlange zieht sich noch in einigen Windungen hin. Selbst wenn wir uns dematerialisieren, in Luft auflösen würden, fällt mir ein, kämen wir nicht weiter – denn Geister können nach chinesischem Volksglauben weder über Hindernisse schweben noch abbiegen.

Kurz gesagt, wir kommen weder vorwärts noch rückwärts, egal ob in feststofflichem oder gasförmigem Zustand, und wir stecken hier mit einem Irren fest, der jeden Moment die Plastikschlange von seinem Handgelenk reißen und einem von uns damit die Luft abdrücken könnte. Ich stelle mir schon wieder die Schlagzeile vor: „Deutsche Urlauberin am Beijinger Bahnhof von Verrücktem mit Plastikschlange erwürgt.“ „Beijing sehen und sterben“ – so hatte ich mir das nun nicht vorgestellt.

„Schaut ekelhaft aus, das Ding, gell?“, flüstert Greta mir zu. „Aber keine Sorge, falls der austickt, könnt ich ihn schon überwältigen. Ist ja nur so ein dürres Menschlein.“ Sofort fühle ich mich etwas sicherer – schließlich haben Gretas Oberarme ungefähr den 2,5-fachen Umfang von meinen. Meinen 8 Kilo schweren Koffer hatte sie ohne mit der Wimper zu zucken sämtliche Treppen in China rauf- und runtergetragen. Man konnte sofort erkennen, wer in unserer Freundschaft der Mann war.

Mittlerweile hat der Alte einen bunten Fächer herausgezogen und wedelt ihn vor Elises Nase herum, während er unablässig weiterplappert. Auf dem papiernen Ding sind einige offiziell gekleidete Männer abgebildet.

„Jetzt erklärt er mir, wer die Männer auf dem Fächer sind“. Linghuan stößt ein genervtes „hrm“ aus, das ich mittlerweile ganz klar von ihrem zustimmenden „mmmmmh“ unterscheiden kann. Im nächsten Moment jedoch weiten sich ihre eng beieinander stehenden schwarzen Augen und sie schraubt den Brummton zu einem hohen „mmmmmmhhh?“ hinauf – immer ein Zeichen dafür, dass etwas ganz Erstaunliches passiert.

Tatsächlich kommt gerade Bewegung in die Schlange, die Leute drängen nach vorne. Vielleicht war gerade eine indische Großfamilie in ein Taxi gestiegen. „Schnell, das ist unsere Chance“, pufft uns Greta in die Seite, und wir drängen uns zwischen ein paar zögernden Wartenden weiter nach vorne. Erst nach knapp fünfzig Metern kommen wir wieder zum Stehen, ganz außer Atem, so als hätten wir gerade einen Dauerlauf hinter uns.

Ich wage einen Blick über die Schulter. „Ich glaub, den sind wir los.“ Jetzt, da wir uns aus der unmittelbaren Fall-Out-Zone begeben haben, finden wir plötzlich auch ein paar versöhnliche Worte. „Ich glaube, der alte Mann ist sehr einsam“, meint Elise. „Ja, das kann sein, vielleicht weiß er nicht, wohin mit sich am Abend…“ Wir nicken einträchtig wie drei Spielzeugdackel auf der Autoablage, bis ich etwas im Rücken spüre und mir das Nicken im Nacken gefriert. Der Alte drängt sich neben uns vorbei und setzt sich ganz selbstverständlich auf den Boden, mit dem Rücken zur Absperrung, als ob er schon immer dort gesessen hätte.

„Oh nein…“, flüstere ich. „Sag nichts, das macht es nur noch schlimmer“, meint Greta. „Wir können ja Deutsch reden und so tun, als hätten wir furchtbar viel miteinander zu bereden und ihn ignorieren.“

„Oder besser noch, Bayerisch reden“, erwidere ich und fange, mit einem Seitenblick auf den Alten, gleich damit an, „A so a Hinterhof-Grattler.“

„Ja, des konnst laut song. Jedn Doch wiad a Bleida asloua.“

„Mei oh mei, hoffentlich mecht der ned a no mit uns mitfohrn.“

Der Alte steht auf und wendet sich an Linghuan, von der er anscheinend eine Übersetzung unserer Geheimsprache erwartet. Die jedoch blickt starr geradeaus und bleibt stumm. Nach einiger Zeit gibt es der Alte auf und murmelt etwas vor sich hin.

Linghuan schaltet ihren Übersetzungsmodus für uns wieder ein. „Er sagt, dieser Ort ist voll von Verrückten.“

Auf einmal tippt der Schlangenbändiger auch mich an, wahrscheinlich hatte er mir angesehen, dass ich zumindest ein ethnologisches Interesse an ihm und der ganzen Situation mitbringe. Nun standen wir allerdings bereits eine Dreiviertelstunde herum und langsam ließ meine Aufmerksamkeit nach. Ein weicher Taxisitz und danach ein noch weicheres Bett wären jetzt doch langsam ganz nett.

Die wenigen Gedanken, die ich mir über den heutigen Tag noch mache, gleiten immer weiter ab in obskure Gefilde. Vielleicht war der Alte ja ein Schamane und die Schlange sein „Krafttier“, das er immer mit sich führen musste… oder seine Voodoo-Puppe, in die er des nachts Nadeln stechen würde, wenn wir jetzt nicht sofort wieder mit ihm redeten…

Und dann geht es plötzlich ganz schnell: das Gittertor wird geöffnet, wir durch und sofort zu einem der wartenden Taxen. Kofferraum auf, Koffer rein, Türen auf, Chinesin rein, Oberbayerin rein, Niederbayerin rein. Direkt vor dem chinesischen Schlangenbeschwörer hatte man derweil das Gittertor wieder verbarrikadiert, als wollte man einen tollwütigen Hund wegsperren. Das Tor zur Pekinger Unterwelt wieder geschlossen, für heute zumindest. Welcome to Beijing.

2 Gedanken zu “Welcome to Beijing – Teil 2

  1. Interessanter Bericht! Ich habe dazu eine Frage: An einer Stelle beschreibst du ausführlich deinen riesigen Koffer, etwas später schreibst du was von 8 Kilo. Da hast du dich doch irgendwo vertan? 8 Kilo wuppe ich locker mit einer Hand. Dafür brauche ich auch keinen „Überseekoffer“.
    LG
    Ulrike

    Gefällt 1 Person

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