Leseimpressionen: Heinz Bude

Die Angst kommt daher, dass alles offen, aber nichts ohne Bedeutung ist. Man glaubt, in jedem Moment mit seinem ganzen Leben zur Disposition zu stehen. Man kann Umwege machen, Pausen einlegen und Schwerpunkte verschieben; aber das muss einen Sinn machen und zur Vervollkommnung des Lebenszwecks beitragen. Die Angst, einfach so dahinzuleben, ist schwer ertragbar. Angststress ist Sinnstress, von dem einen kein Staat und keine Gesellschaft erlösen kann.

(c)dianealdrich

Aber wenn das Bevölkerungswachstum zurĂŒckgeht, das Land zur Vorstadt wird und die Eroberung der Welt auf Grenzen stĂ¶ĂŸt, dann werden die zwischenmenschlichen Verflechtungen dichter und unausweichlicher [
]. PrĂ€miert wird dann nicht mehr die Obsession, sich selbst zu beweisen, sondern die Kompetenz, die Perspektiven anderer zu ĂŒbernehmen, sich elastisch und flexibel im Wechsel der Situationen zu zeigen und Kompromisse in der Teamarbeit zu finden. Der seelische Kreiselkompass innerer Gleichgewichtsbildung wird durchs soziale RadargerĂ€t der Registrierung der Signale anderer ersetzt. Das Ich wird zum Ich der anderen [
]

(c) PhotosNormandie

„Zwei Dinge sind fĂŒr [den] herrschenden Typ wichtig: zum einen der Weg ĂŒber die fĂŒr neue Gruppen und Klassen geöffneten Bildungsinstitutionen und zum anderen die TĂ€tigkeit in beruflichen Kontexten, die Kommunikation und ReprĂ€sentation als SchlĂŒsselqualifikationen erwarten. [
] Die Aufstiegsenergie wird in den Bildungsinstitutionen durch die Ausrichtung auf Bildungsziele ausgekĂŒhlt und abgerichtet. Das Lehrpersonal verteilt Noten bekanntlich nicht nur fĂŒr formelle Leistungserbringung, sondern auch und besonders fĂŒr informelle Habitusdurchdringung. Die Heranwachsenden sollen lernen, sich einzubringen, auszudrĂŒcken und insgesamt eine gute Figur zu machen.“

(c) Alex Harbich

Aus der Psychotherapieforschung wird von einem Wandel des klinischen Bildes der psychischen Störung berichtet: von den neurotischen Konflikten zu den depressiven Verstimmungen. Nicht das Ich, das mit seinen WĂŒnschen an die Grenzen des Erlaubten stĂ¶ĂŸt und darĂŒber in eine Ă€ngstliche Erwartungshaltung gerĂ€t, sondern das Ich, das sich durch vielfĂ€ltige und widersprĂŒchliche AnsprĂŒche und Erwartungen ĂŒberfordert fĂŒhlt, dem es unendlich schwer fĂ€llt, Grenzen zu setzen [
] Man will weder leben, um zu arbeiten, noch arbeiten, um zu leben, sondern so viel Leben beim Arbeiten wie möglich und so viel Arbeit beim Leben wie nötig.

(c) Markus Wintersberger

Der außengeleitete Charakter hat nichts anderes als die Anderen, die ihm Halt im Leben geben und einen Begriff seiner selbst vermitteln. Der Grund der Angst kommt aus dieser unhintergehbaren Bezogenheit auf eine Instanz, die so unsicher, instabil und unvorhersehbar ist, wie die Andere, die mir grundsĂ€tzlich verschlossen ist. [Das macht] jede Kommunikation zu einem Ritt ĂŒber dĂŒnnes Eis [
]. Die Angst, jederzeit einbrechen zu können und in ein Loch im Sein zu fallen, Ă€ußert sich [
] in zwei existenziellen Fluchtbewegungen: Man kann sich vor den anderen zurĂŒckziehen oder sich ihnen in die Arme werfen wollen. Im ersten Fall wĂ€re Buddhismus, im zweiten Konformismus der Ausweg.

(c) Tim Parkinson

aus: Heinz Bude, Gesellschaft der Angst

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