Leseimpressionen: Raphaela Edelbauer

Raphaela Edelbauers erster Roman „Das flĂĽssige Land“ ist ein sprachgewaltiges Werk, das groĂźe Themen wie Zeit, Umgang mit der Vergangenheit und kollektive Verdrängung vor dem Hintergrund der Kulisse einer österreichischen Kleinstadt verhandelt. Was den Roman auĂźerdem besonders macht, sind die kleinen Vignetten, in denen die Autorin kleine physikalisch-philosophische Reflexionen ĂĽber die Zeit einbaut.

Als ich den Hörer auf die Gabel legte, bemerkte ich ĂĽberrascht, dass die Vorstellung, mich in eine Stadt zu bewegen, eine nicht unbeträchtliche Abscheu in mir hervorrief. Zum einen hatte ich noch immer kein Auto – aber das war gar nicht das Entscheidende. Vielmehr quälte mich auf einmal der Gedanke an den Lärm, das Tempo, an das Weiterlaufen der Zeit, die hier so herrlich brach lag wie ein sich regenerierendes Feld nach der Ernte.

Sah man […] zu Mittag aus dem Ausgucklock des alten Feuerwehrhauses, konnte man beobachten, wie die einzelnen Familien sich in diesem vielschichtigen Sozialbeben bewegten: Die MĂĽtter drängte es zum Benennungsamt: einer Institution, wo man kleine Nebenschächte nach sich oder der eigenen Familie benennen konnte […] Die Väter, die sich dabei ihre Söhne ĂĽber die Schultern spannten, strebten samt Anhang zur Maschinendemonstration, wo die maskulin gurrenden Schläuche gezeigt wurden […]

Die Gegenwartsillusion verschleiert, dass jeder Mensch bloß an irgendeinem beliebigen Punkt der Landschaft aller Möglichkeiten schwimmt und sich in seinem Egozentrismus am Archimedischen Punkt wähnt. Man meint, vom eigenen Plateau aus die Dinge zu überblicken, während gerade die Positionierung auf dem Plateau das Überblicken verhindert.

Der aushärtende Füllstoff packte von unten die Gräser, die Mikroorganismen, die zarten wie die groben Scharniere der Welt und schraubte sie fest in ein ewiges Präsens, einen Schaukasten, in dem Groß-Einland und all seine Bewohner für immer gebannt werden würden. Ich meinte, wenn ich noch einmal hinsehen würde, wäre alles fertig abgetötet und das Gras nur mehr ein Liniengewirr aus gelben, verwitterten Fäden.

(c) Images: Carol von Canon, Mark Brooks, Airflore, Sue Langford

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