laemmchenđź“šliest: Alexander KeĂźler – GlĂĽckstreiben

Ich war immer noch in gewisser Weise darauf aus, doch noch einmal groĂź raus zu kommen, fĂĽhlte immer noch den Schub aus der Vergangenheit, der mich in Bewegung hielt.

Wie Die Lösung der Ostküstenfrage ist auch Alexander Keßlers Glückstreiben ein Roman, der verschiedene Schicksale zusammenführt. Allerdings scheinen die Figuren in diesem Buch weniger ein festes, gemeinsames Ziel zu haben, sie lassen sich – wie der Titel schon sagt – eher „treiben“, bis das Glück vorbeikommt und sie es eventuell an einem Zipfel zu fassen bekommen. Die Hauptfigur ist Lübbers Wolter, ehemaliger Researcher und Besitzer der Klubs Booties und Das Oben Ohne und das Unten Ohne, dessen Geschichte schon im Vorgängerroman Booties erzählt wird.

In Glückstreiben treffen wir ihn an dem Punkt in seinem Leben wieder, als sein erster Klub Booties bereits pleite gegangen ist und der zweite Das Oben Ohne und das Unten Ohne mehr schlecht als recht läuft. Er verliert seinen Kredit bei der Sparkasse, reduziert die Öffnungszeiten, versucht, neue Geldgeber zu finden, kauft und verkauft Mietwohnungen, beginnt zu trinken. Und begegnet dabei allerlei illustren Gestalten, Freunde aus dem begüterten Milieu genauso wie aus der Drogen- und Prostituiertenszene – zwei Welten, die gerade im Dämmerlicht, wenn sich Tag und Nacht berühren, aufeinandertreffen. Gutbürgerliche Existenzen sind nicht Keßlers Ding – es interessieren ihn die Menschen, die am oberen oder unteren Rand der Gesellschaft leben und immer versuchen, sich über die Regeln der Gesellschaft hinwegzusetzen.

Auch Wolters heimliche Liebe, Anna, entstammt der Stricherszene – eine drogenabhängige junge Frau mit psychischen Problemen, die ursprünglich aus Äthiopien kommt. Die Treffen mit Anna bilden eine Konstante in Wolters Leben, das von oberflächlichen Begegnungen mit zweifelhaften Frauen geprägt ist. Dennoch kommt und geht auch sie, scheint immer nur dann aufzutauchen, wenn sie an einem Tiefpunkt angelangt ist. Und wie so viele Existenzen aus der „Szene“ kann sie sich deren Sog am Ende nicht entziehen.

Genau wie Die Lösung der Ostküstenfrage stellt auch Glückstreiben eine Art Milieustudie dar – diesmal auf Deutschland und die Finanzwelt beschränkt. Es gibt Gutes über die Deutschen zu sagen:

Keiner hatte noch erkannt, dass das leise, ordentliche Vollziehen der normalen Existenzen, der mittleren Leben in mittleren Städten mit mittleren Menschen vielem [sic] auf dem Globus ohne große Worte weit überlegen war und blieb.

Doch genauso Kritisches:

Aufgedeckt wurde in Deutschland, was aufgedeckt werden sollte. Nichts anderes. Ganz ordentlich gings da auch beim Aufdecken von Skandalen zu, wie auch sonst im ganzen Land. […] Eine gewisse Grundstromlinienförmigkeit ist BĂĽrgerpflicht. Das grundsätzliche Sich-Einordnen-Wollen, die grundlegende Komplizenschaft aller Deutschen…

Eines der Highlights stellt das „Düsseldorf“-Kapitel dar, in dem dargestellt wird, wie das moderne, ausbeuterische Finanzsystem funktioniert: wie ein Brunnen, in dem das Wasser (das Geld) nach unten fällt und sich in immer feinere Ströme und Rinnsale verzweigt.

Es wurde geordnet: Zinszahlungen kaskadierten durch die Tranchen von oben nach unten. Wasserfälle nannten sie das, Wasserfälle, die die stĂĽrzenden Wasser, die Zahlungen, auf verzweigten und verdeckten Wegen nach unten verteilten, auf einer bestimmten Staustufe bildeten sie Becken, einen Pool, jeder bekommt seinen Anteil. […] Die von den Banken ziselierten Transaktionen strebten nach dem Gleichgewicht der LebensflĂĽsse, wurden filigran und filigraner, es war den Kundigen eine Lust.

Ein Nehmen und ein Geben, Und alle bleiben reich.

Und alle Fluten leben Und ruhen doch zugleich.

Das Fließen liegt dem Roman natürlich als Idee zugrunde, und dementsprechend lässt sich Wolters zwischen der Welt des Finanzadels, der Frankfurter Drogenszene und der bürgerlichen Welt hin- und hertreiben, sodass sich das Buch beinahe wie ein Schelmenroman liest. Zwischen den ständigen Berechnungsversuchen, den Besuchen bei der Bank und beim Makler versickert die Handlung jedoch ein wenig, zuweilen lässt sich kein richtiger Handlungsstrang erkennen, der den Leser mitziehen würde. Möglicherweise hätte das ein professionelles Lektorat noch ein wenig stromlinienförmiger gestalten können.

Dennoch ist es ein Roman, der gut zur gegenwärtigen Krise passt: es geht um den Absturz einer Existenz (bezeichnenderweise ein Klubbesitzer!), um das Warten und Bangen auf eine Finanzspritze – aber eben auch um neue Einsichten, die diese „Weltlücke“ mit sich bringt und die denen, die viele Menschen aus der derzeitigen Krise mitgenommen haben, verblüffend ähneln:

Früher war ich mir stets selbst so vollständig, so nahe und unzweifelhaft in meinem Leben gewesen, wie ein fester Block aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das hatte sich aber geändert. Da war ein Riss aufgetreten. Ich wollte nun erfahren, woran mir wirklich lag, welcher Teil meiner Vergangenheit mir in die Zukunft zu folgen hätte.

Alexander KeĂźler - GlĂĽckstreiben

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