Schöne neue Liebeswelt

Es gibt wenige Bücher, die einen so sehr mit der eigenen Lebenswirklichkeit, den eigenen Fehlern konfrontieren, dass fast jeder Satz schmerzt. Das Ende der Liebe von Sven Hillenkamp ist eines davon – ein schonungsloser, poetischer, ja epischer Bericht über die Seelenlage des modernen Liebenden.

Beziehungen

Laut Hillenkamp treffen viele Menschen bei der Partnersuche keine Wahl mehr, sondern wählen die Suche selbst. Sie tun dies, bevor sie sich überhaupt erst auf einen Partner einlassen, bevor sich etwas wie tiefere Gefühle entwickeln konnten. Bezeichnend sind Sätze wie diese:

Ich bilde mir ein, dass Möglichkeiten zur Liebe in mir liegen, aber das alles liegt sozusagen in einem verschlossenen Raum. Das Traurige ist nur, dass das Leben, das ich bisher geführt habe, meine Möglichkeiten mehr und mehr eingekapselt hat.

Wenn die Menschen bei einem Partner „hängen“ bleiben, so Hillenkamp, dann aus einer Erschöpfung heraus, einer Schwäche. Die Partnersuche nimmt Eigenschaften des Konsums an: zuerst ist da das Verlangen, die Besitzgier angesichts eines neuen Partners, doch sobald man den Partner besitzt, fallen einem gewisse „Mängel“ auf, oder man sieht sich wieder der unendlichen Auswahl möglicher anderer Partner gegenüber, und sucht nach dem nächsten. Dieses Verlangen der Menschen erstreckt sich nicht nur in die Zukunft, sondern auch in die Vergangenheit: ständig überlegen sie, ob es dieser oder jener Partner nicht doch „gewesen sein könnte“, ob sie etwa eine Möglichkeit verkannt hatten. Um die Masse der möglichen Partner eindämmen zu können, entwickeln die Menschen eine Art „serielles Denken“; sobald sie wieder jemand neuen getroffen haben, ordnen sie ihn in ihr internes Kategoriensystem ein; wie eine Ware, die in ein Regal gelegt wird, wie ein Narrativ, das im Kopf bereits auserzählt ist.

Sexualität

Wenn die Menschen an ihre Partner denken, so Hillenkamp, dann vor allem in sexueller Art und Weise – da sich etwas anderes in der Kürze der Zeit oft kaum entwickeln konnte. Die Menschen sind ungestörter als jemals zuvor und entwickeln deshalb schon früh in den eigenen vier Wänden ihre ganz „private“ Sexualität:

Auch während ihrer Partnerschaften halten sie durch die Selbstbefriedigung die Verbindung zur Unendlichkeit der möglichen Partner aufrecht.

Bewusstsein

Die Unendlichkeit der sexuellen und romantischen Möglichkeiten hat natürlich Auswirkungen auf das ganze menschliche Bewusstsein. Es hat ein kollektiver Größenwahn eingesetzt und damit eine Entfremdung von sich selbst:

Das Äußere, Gesellschaftliche nehmen die Menschen als Inneres, Psychisches wahr. Das unbegrenzte Eigene tritt ihnen als Fremdes entgegen, ihr Selbst als ein Anderer.

Den Menschen steht die ganze Welt offen, deshalb haben sie sie quasi internalisiert – jedoch nicht wie der Mystiker, der denkt, dass die ganze Welt aus seinem Bewusstsein entsteht, sondern wie der Neurotiker, der seinen Körper nicht mehr spürt, weil ihn so viele Möglichkeiten durchfahren. Sie haben nicht mehr den Blick von innen heraus auf die Welt, sondern nur noch den Blick der Welt auf sich selbst, „sie denken […] von sich selbst in einer ausschließlich öffentlichen Weise“. Wenn sie sagen, „ich muss mich erst noch finden“, meinen sie eigentlich, „ich muss erst noch etwas finden, das mich nach außen hin gebührend repräsentiert“.

Die Menschen sind innerlich gespalten: sie wollen jemanden, der so ist wie sie selbst, jedoch zugleich ganz anders, eine Verkörperung dessen, was sie selbst bereits in der nahen Zukunft sein könnten. Sie suchen jemanden, mit dessen Hilfe sie sich, ganz in Nietzscher Tradition, selbst überwinden können.

Stadt und Land

Die schöne neue Welt der Möglichkeiten und Freiheiten hat auch die sozialen Dynamiken innerhalb der Stadt verändert. Der Mensch beklagt nun nicht mehr die Vereinzelung, die anonyme Masse, sondern er giert nach den Massen, da sie für ihn die Unendlichkeit seiner Möglichkeiten repräsentieren: „Auf der Straße halten die Menschen plötzlich inne, weil ihnen ein anderes Leben eingefallen ist.“

In der Heimat wohnen zu bleiben, scheint unmöglich geworden zu sein; nur die Stadt bietet den Menschen unzählige Möglichkeiten. Die Menschen brauchen das Gefühl, in Bewegung zu sein, „und wenn nicht sie, so [sind es] genügend andere“. Sie bewegen sich frei durch sämtliche soziale Schichten, nie wissend, wo eigentlich ihr „Platz“ ist.

Literatur und Sprache

In Zeiten, da man seine Gefühle unterdrückte, man aus Gründen der Moral und Ehre am Alten festhielt, man nicht tat und tun konnte, was man wünschte und wollte, da hatte der Roman die Aufgabe, die Gefühle und den Willen der Menschen sichtbar zu machen, indem er von Menschen erzählte, die sie auslebten. Heute aber werden alle Romane von der Realität übertroffen.

Träume, Lebensgeschichten, der eigene Entwicklungsroman wurden bereits so oft erzählt, dass sie austauschbar, seriell geworden sind – so Hillenkamp: „Je länger ein Mensch von sich selbst spricht, umso verwechselbarer wird er.“ Die Menschen selbst werden zu „bedeutungs- und sinnlose[n] Zeichen“, gleitende Signifikanten, die auf nichts mehr verweisen. Die Sprache der Liebe wird zu einer Fachsprache, die nicht mehr Wunder beschreibt, sondern die Psyche erklärt.

Man braucht in jedem Fall eine stabile Psyche für die Lektüre dieses hervorragenden, mit treffenden Metaphern gespickten soziologischen Werks – ebenso wohl für Eva Illouz vor kurzem erschienenes Buch Wie Liebe endet, das in einem separaten Blogbeitrag besprochen werden soll und auf das vorliegende Werk Bezug nimmt.

In beiden Fällen gilt natürlich der ewige Vorbehalt: Gefühle lassen sich nur schwer in Text übersetzen, sodass allenfalls allgemeine soziologische Trends beschrieben werden können.

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